Zoo muss Gemeinschaftshaltung aufgeben

35 Meerschweinchen an Privathalter abzugeben

 

[Zoo HD, 1. April 2024] Wer kennt nicht das liebevoll gestaltete Gehege für Meerschweinchen und Kaninchen im Zoo Heidelberg. Viele Jahre schmückte ein Modelnachbau des Heidelberger Schlosses das Gehege. Erst vor wenigen Jahren wurde das Schloss-Model durch Nager-Häuschen und Grastunnel als optimale Beschäftigung und Rückzugsmöglichkeit für die Tiere ersetzt. Die Gemeinschaftshaltung funktionierte immer sehr gut. Kleine und große Zoobesucher erfreuten sich an dem bunt gemischten Gewusel im Gehege. Alljährlich konnten die Tierpfleger pünktlich zu den Osterfeiertagen Nachwuchs verzeichnen. Auch in diesem Jahr kamen einige Jungtiere bei Kaninchen und Meerschweinchen zur Welt.

Nun muss die Gemeinschaftshaltung jedoch kurzfristig aufgegeben werden. Grund dafür ist „Lirpa“. „Lirpa“ kam gemeinsam mit fünf Geschwistern in der Woche vor Ostern zur Welt. Die erfahrene Meerschweinchen-Mutter kümmert sich liebevoll um den Nachwuchs. Erst am zweiten Tag nach der Geburt fiel den Tierpflegern auf, dass eines der jungen Meerschweinchen immer abseits saß und sich häufig in den Tunneln versteckte. Bei der Kontrolle und Geschlechtsbestimmung der Jungtiere wunderten sich die erfahrenen Tierpfleger dann auf Äußerste und zogen umgehend den Rat der Tierärzte zu Rate. Eines der junge Meerschweinchen hat überdimensionale Ohren. Sie tauften das weibliche Tier spontan „Lirpa“. „Eigentlich gehören Meerschweinchen und Kaninchen zu ganz unterschiedlichen Tierordnungen, also Nagetiere bzw. Hasenartige. Sie sind somit eigentlich nicht fortpflanzungskompatibel. „Hybridtiere als Kreuzung zwischen Meerschweinchen und Kaninchen kommen in der Natur nicht vor“ erklärt Dr. Eric Diener, Kurator für Vögel und Reptilien. „Wir können uns das so nicht erklären. Es kann jedoch sein, dass die Luxkaninchen, die seit letztem Jahr in das Gehege mit eingezogen sind, da eine Ausnahme bilden“. Luxkaninchen sind in der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen als stark gefährdet eingestuft und wurde von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) zur Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2024 erklärt. Der Zoo ist daher angehalten, in der Zucht auf möglichst reinrassige Tieren zu achten.

Im Lernlabor des Zoos werden bereits DNA-Analysen durchgeführt, um erste Schlüsse zu ziehen, während Blutproben des Jungtiers und der Kaninchen auf dem Weg zum Labor ISNICH in Wahr, Österreich, sind. In der aufwendigen Auswertung untersuchen die Kollegen im Lernlabor des Zoos vorab die einzelnen Abschnitte des Genstrangs, um zu ermitteln, welcher Abschnitt für die Ohrform des Tieres ausschlaggebend ist.

Aufgrund der Gefährdungsstufe der Luxkaninchen hat die Zoodirektion gemeinsam mit den Kuratoren umgehend beschlossen, dass die Gemeinschaftshaltung bei den Nagetieren schnellstmöglich aufgegeben werden soll und die Meerschweinchen ausziehen müssen. „Wir bedauern die Entscheidungen, da das Gehege besonders bei den kleinen Besuchern sehr beliebt ist, und sind nun auf die Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen“ erklärt Zoodirektor Dr. Klaus Wünnemann. Vorrübergehend können die Nagetiere bis nach Ostern im frisch eingerichteten Ostergehege des Zoos verbleiben. Nach Ostern müssen sie den Zoo verlassen. Der Zoo sucht nach geeigneten Haltern, die jeweils mindestens fünf Meerschweinchen bei sich aufnehmen. Möglich sind auch Pflegestellen, bis eine dauerhafte Bleibe gefunden werden kann. Erfahrene Meerschweinchenhalter, die bereits Erfahrung in der Pflege der Tiere haben werden bevorzugt, es können sich aber auch neue Halter bewerben. Aktuell müssen ca. 45 Meerschweinchen ein neues Zuhause finden. Bewerbungen bitte per Mail an Ap.Rilscherz@zoo-heidelberg.de

Was aus „Lirpa“ wird, ist noch ungewiss. Aktuell laufen die Gespräche mit Forschungslaboren in Kreuzinghausen und Artreinstetten. Fest steht jedoch, dass auch sie den Zoo verlassen muss. Der Zoo hofft, dass sie in eine Langzeitstudie aufgenommen werden kann, die sich mit besonderen Hybridformen unter Nagetieren beschäftigt.

Veröffentlichung: 01.04.2024