Von Neuntötern und Wachtelkönigen

Neuntöter-Männchen, Foto Simon Bruslund
Neuntöter-Männchen, Foto Simon Bruslund

Heidelberg, 8. November 2013 / S. Richter  Der Zoo Heidelberg beherbergt seit Kurzem zwei neue Vogelarten mit außergewöhnlichen Namen. In das ehemalige Gehege der Hermeline gegenüber dem Flamingosee sind ein Pärchen Neuntöter und zwei männliche Wachtelkönige eingezogen, die es sich in ihrem neuen Zuhause jetzt gemütlich machen. Im Zoo leben nicht nur exotische Tiere aus fernen Ländern sondern auch Tiere aus unserem direkten Umfeld, über die wir viel lernen können.

Mit den vier Neuzugängen erweitert der Zoo Heidelberg seinen Bestand an Tieren, die in unseren heimischen Lebensräumen angesiedelt sind. Deshalb sind das Neuntöter-Pärchen und die beiden Wachtelkönige in dem Themenbereich „Tiere vor unserer Haustür“ untergebracht. In unmittelbarer Nähe befinden sich unter anderem die Feldhamsterzuchtstation des Zoo und der Bienenstand, außerdem leben dort Kolkraben und Uhus. „In naher Zukunft würden wir gerne eine Voliere für Bienenfresser einrichten, vielleicht auch in Gemeinschaft mit heimischen Reptilien“, hofft Simon Bruslund, Leiter des Vogelreviers.
Besucher sollten sich in den nächsten Wochen nicht über die schlecht geputzten Scheiben der Vogelvoliere wundern, denn die vorübergehend mit Lehm getarnten Scheiben haben einen guten Grund. Die Vögel sollen sich an die Glasbarriere gewöhnen und nicht dagegen fliegen. Später dann werden die Pfleger die Scheiben mit einem für Menschen nicht sichtbaren UV-Schirm bestreichen – so können die Zoobesucher die Vögel bei ihrem Treiben ungestört beobachten, während Neuntöter und Wachtelkönig die Scheibe als Barriere wahrnehmen.
Seinen martialisch klingenden Namen erhielt der Neuntöter aufgrund seines Beuteverhaltens. Der Neuntöter ist der hierzulande am stärksten verbreitete Vertreter der Familie der Würger und lebt in halboffenen Kulturlandschaften mit Hecken, Dornenbüschen und Wildrosenbüschen. Um schlechtes Wetter wie beispielsweise mehrere Regentage oder feuchtkalte Morgenstundenzu überbrücken, spießen die Vögel zum Anlegen von Vorräten ihre Beutetiere – vor allem Insekten, kleine Vögel oder Mäuse – auf Dornen, spitze Zweige oder auch auf Stacheldraht von Weidezäunen. Die Zahl „neun“ in ihrem Namen bezieht sich allerdings auf den irrtümlichen Volksglauben, dass die Vögel erst neun Beutetiere aufspießen, bevor sie sie verspeisen. Dies ist natürlich nicht der Fall. Auch wird häufig beobachtet, dass sie das Aufspießen zum Zerteilen größerer Beutestücke nutzen. Männchen und Weibchen unterscheiden sich – wie häufig in der Vogelwelt anzutreffen – deutlich in der Färbung. Das Männchen kann man leicht an seiner Kombination von rostrotbraunem Rücken, rosafarbenen Bauch, blaugrauem Kopf und der gewagten schwarzen „Banditenmaske“ um die Augen erkennen. Das Weibchen hingegen ist eher unscheinbar braun gefärbt.
Wachtelkönig, MännchenBeim Wachtelkönig handelt es sich übrigens nicht um einen Hühnervogel, sondern um eine Ralle. Sein Vorkommen erstreckt sich von Westeuropa bis zu Westchina, er lebt auf Feldern, Äckern und Wiesen. In Deutschland ist er seit Jahrhunderten mit volkstümlichen Namen belegt, wie Wiesenschnarcher, Knarrer, Schnarker oder Schnarf. Dies ist nicht nur ein Hinweis auf sein ehemals häufiges Vorkommen, sondern auch auf den charakteristischen Ruf des Männchens, welcher im wissenschaftlichen Namen „Crex Crex“ lautmalerisch festgehalten ist.
Beide Vogelarten sind Zugvögel, die in Afrika überwintern.

Der Hauptgrund für den Vogelzug sind übrigens weniger klimatische Gründe – vielmehr liegt es an der Nahrungssituation. Da Zugvogelarten sich überwiegend von Insekten ernähren, ziehen sie im Winter dem Nahrungsangebot sozusagen hinterher.

Fundstück – Ein kleines Lyrik-Schmankerl über den Wachtelkönig von Eugen Roth, das in der letzten Zeile einen traurigen Grund seiner Bedrohung plastisch nennt.

Die Wiesenralle, Knarrer, Schnärz
Kommt erst im Mai anstatt im März
Als Wachtelkönig, als crex-crex
Hat sie viel Namen beinah sechs
Ihr Nest macht sie im grünen Gras
Als wäre sie der Osterhas.
Die Kinderliebe läßt zu fest
Sie manchmal sitzen auf dem Nest
Den Bauern merkt sie erst zu spät
Drum wird sie oft mit abgemäht.