Tägliches Training für die grauen Riesen im Zoo Heidelberg

Elefantenpflegerin Kim Klene und Gandhi bei der Fußpflege

Heidelberg, 18. November 2011, S. Richter  Wie eine riesige graue Wand türmt sich Elefantenbulle Voi Nam vor dem Gitter seiner Box auf. Obwohl gerade mal neun Jahre alt und damit noch lange nicht ausgewachsen, wiegt der junge Bulle stolze drei Tonnen und erreicht bereits eine Höhe von 2,50 Meter. Umso erstaunlicher ist es zu beobachten, wie vorsichtig und geradezu grazil Voi Nam auf die leise Aufforderung seines Pflegers Tobias Kremer „Voi, foot“ sein rechtes Hinterbein hebt und ihm den mächtigen Fuß durch die Gitterstäbe reicht.
Es ist, wie jeden Tag, Trainingsstunde bei den jungen Elefantenbullen Voi Nam, Thai, Tarak und Gandhi im Zoo Heidelberg. Bei dem täglichen Training geht es nicht darum, dass die Pfleger den Elefanten Kunststückchen beibringen oder die hochintelligenten Tiere auf bedingungslosen Gehorsam drillen. Die Übungen, die auch „medizinisches Training“ genannt werden, finden im „geschützten Kontakt“ statt. Bei dieser Haltungsmethode agiert der Pfleger nicht als Leitelefant und die Tiere lernen, mit einem Pfleger kooperativ zusammenzuarbeiten, der immer durch ein Gitter von Ihnen getrennt ist.
Der Zoo Heidelberg hatte sich aus zwei Gründen für dieses moderne Haltungssystem entschieden: Zum einen ist es für die Psyche der Tiere besser, wenn sie sich nicht dem Willen des Menschen unterzuordnen haben und der Pfleger das Tier als Alphatier dominiert. Zum anderen gelten pubertierende Elefantenbullen als sehr gefährlich im direkten Kontakt.
Beim medizinischen Training werden medizinische Behandlungen simuliert, so dass im Ernstfall das Tier sofort behandelt werden kann. Das Training folgt dabei einem Aufbau: Zunächst kommt der Elefant auf Zuruf, dann lernt er, sich seitlich oder von hinten eng an das Gitter zu drücken, um sich dann zum Beispiel an das Ohr fassen zu lassen oder den Fuß nach draußen zu strecken. Wichtig ist auch, dass er sein Maul öffnet, Backenzähne und Stoßzähne untersuchen und sich Blut abnehmen lässt und die Verabreichung von Medikamenten akzeptiert.
Das Training dient aber auch dazu, die hochintelligenten Tiere geistig zu fördern und das Verhältnis zwischen Pfleger und Tier zu festigen. Dass die Schulstunden den Tieren darüber hinaus großen Spaß bereiten, liegt unter anderem an dem Prinzip der positiven Verstärkung. Elefanten wollen motiviert werden und sind gleichzeitig keine Kostverächter. Positive Verstärkung setzt genau auf deren Vorliebe für trockene Brötchen, saftige Äpfel oder süße Trauben. Die Erfahrungen zeigen, dass eine sehr gute medizinische Versorgung der Tiere auch im „geschützten Kontakt“ möglich ist.

Der Zoo Heidelberg plant nach Abriss des alten Elefantenhauses auf der Elefantenaußenanlage eine Trainingswand sichtbar aufzustellen, so dass künftig Zoobesucher bei diesem spannenden Training zuschauen können.


Hintergrundinformation Jungbullenhaltung Zoo Heidelberg

Im Juni 2010 gründete der Heidelberger Zoo mit den drei „Jungen Wilden“ Voi Nam, Tarak und Thai die erste Elefanten-Jungbullengruppe in einem deutschen Zoo. Das neue Elefantenhaus, in das die drei jungen Elefanten einzogen, war zwar von Anfang für vier Elefanten konzipiert – das heißt mit vier abtrennbaren Boxen, zwei Badebecken und großzügig gestalteten Innen- und Außengehegen. Der Zoo entschied sich aber zunächst für die Haltung von drei Elefanten, um ausreichend Erfahrungen zu sammeln, wie die Integration von jungen Bullen, die sich nicht kennen, gelingt. Die Hoffnungen wurden sogar übertroffen. Innerhalb von kurzer Zeit bildete sich eine stabile Gruppenstruktur mit dem ältesten Bullen Voi Nam als Leittier. Das Zusammenleben der drei lebhaften Elefantenbullen funktionierte so gut, dass der Zoo sich entschloss, im April 2011 einen vierten Jungbullen aufzunehmen. In Abstimmung mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm fiel die Wahl auf den fünfjährigen „Gandhi“ aus dem Zoo Kopenhagen, der sich inzwischen sehr gut eingelebt hat und in die Gruppe integriert ist.